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Gertrude Allmer

Basierend auf den Tagebüchern des Wiener Arztes Ludwig Popper wird die Geschichte einer Flucht aus dem Europa des immer gewalttätiger werdenden Nationalsozialismus erzählt - und das danach folgende Abenteuer eines Lebens in Bolivien. Aus der Sicht des Arztes, der im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, an der damals weltberühmten "Wiener Medizinischen Schule", ausgebildet wor­den war, beschreibt das Buch die Menschen Boliviens und ihre exotischen, für den Europäer teils skurrilen medizini­schen und pflegerische Traditionen. Mythos, Aberglaube und Indianerprakti­ken sind mitbestimmend für das Gesund­heitswesen in diesem Lande der Dritten Welt. Ein ergreifendes, ethnologisch auf­schlussreiches Zeugnis der Zeit- und Medizingeschichte, das der Sohn Ludwig Poppers, Lutz Elija Popper, selbst Uro­loge in Oberwart, durch Dokumente und Fotos ergänzt und nun herausgegeben hat.




Wolfgang Weisgram

Eine Ethnologie des Exils

Von Wolfgang Weisgram

Ludwig Poppers Bolivienbuch ist mehr als ein Tagebuch der Emigration

 

Dem Jahr 1938 gilt heuer, im Gedankenjahr, kein besonderer Gedanke, und vielleicht ist es deshalb ein besonderes Glück, dass gera­de heuer ein Buch erscheint, dem man den Windschatten der geschäftigen Erinnerungs­arbeit nur wünschen kann. Die unprätentiöse Ehrlichkeit, der Scharfblick gegenüber der Zeit und die Exaktheit des geschriebenen Wortes passt nicht unbedingt zur Jubiläumsbedenk­lichkeit, in die zumeist so viel von den Jubilie­renden einfließt, dass daneben die Bejubelten kaum Platz finden.

 

Das Buch, das am Montag im Wiener Jüdi­schen Museum präsentiert wird, heißt Bolivien für Gringos und basiert auf den Tagebüchern des Wiener Arztes Ludwig Popper. Editiert und her­ausgegeben wurden sie von seinem Sohn, Lutz Elija Popper, der 1938 in Wien zur Welt gekom­men ist, am 1. März, "als Osterreicher", wie er betont. Als "Deutscher" freilich hat er mit seiner Mutter das Spital verlassen. Und bald das Land. Denn der Vater war Jude.

 

Poppers Buch beginnt mit diesem unheilvollen Datum, um dann die abenteuerliche Reise nach Südamerika und den Aufbau einer Exis­tenz als Militärarzt in den unwegsamen Grenz­regionen Boliviens zu beschreiben. Überallhin, auch in den wildesten Chaco, begleitet ihn die Familie, was mancherlei zusätzliche Fährnisse mit sich bringt. Die Kinder wachsen, beklagt er sich im Tagebuch, "wild" auf, was später der Antrieb war, die Rückkehr zu wagen.

 

Poppers Beschreibungen sind mehr als ein Exiltagebuch. Es sind präzise ethnologische und soziale Skizzen, die ein sehr lebendiges Bild Boliviens der 40er-Jahre entwerfen: Alko­holismus und hygienische Ignoranz, Indianer­apathie und Malariaaktivitäten. Der traditionel­le hispanische Ehrbegriff. Und der Umstand, dass, weil viele europäische Juden hier Zuflucht fanden, die Boiivianer die "Judios" so identifi­zierten, dass Popper mit schelmischer Zufrie­denheit notierte: "Und so schimpften die Gas­senbuben von La Paz zum Beispiel den deut­schen Gesandten und seine blonde Tochter auf den Straßen: „Judios, Judios."

 

Ludwig Popper brachte die Forschungsergeb­nisse der Wiener Medizinischen Schule mit, was ihm erlaubte, effektiver gegen Urwaldpla­gen wie Malaria und allerlei Tropenkrankheiten vorzugehen. Seine einschlägi­gen Studien brachte ihn dann sogar an die Mili­tärakademie von La Paz, von wo ihm der Rück­weg nach Wien gelang. Geschrieben hat Ludwig Popper nicht fürs große Publikum. Der eigenen Familie - der "Popper-Mischpoche", sagt Sohn Lutz Elija - wollte er eine Vergangenheit geben. Lutz Elija Popper, der die Urwalderzählungen des Vaters zuweilen "Raubersg'schichten" nennt, hat gut daran getan, sie in Druck zu ge­ben. Denn die "Popper-Mischpoche" ist auch ein Sinnbild. Oder ein Warnschrei.

 

"Mitte der Neunzigerjahre, als die Idee Form anzunehmen begann, diese Dokumentation nicht nur für meine Kinder zu erstellen", so schreibt Lutz Elija Popper im Vorwort, "war Ös­terreich ein durchschnittliches demokratisches Land. Seit Anfang dieses Jahrtausends, nach Einbeziehung einer politischen Clique in die Regierung, der die prominentesten europäi­schen Politologen bezeugen, sie gehöre in die Gruppe der rechts extremen Parteien, hat sich das Bild gewandelt."

 




Aus: Illustrierte Neue Welt

Heimo Kellner

 

Bolivien für Gringos, von Ludwig Popper, herausgegeben von seinem Sohn Lutz (edition lex liszt) ist eine der vielen Schilderungen jüdischer Emigrantenschicksale des Jahres 1938. Die einen gingen nach Stockholm, in die USA, nach China, nach Mexiko, die Auswahl erfolgte meist im Lotteriespiel um das Einreisevisum. Popper ver­schlägt es nach Bolivien in den tiefsten Urwalds des Chaco, einem Landesteil, der im Krieg zwischen Bolivien und Pa­raguay (1932-1935) Kampfschauplatz gewesen war. Der vollassimilierte, kon­vertierte Popper nimmt, mit seiner Fami­lie aus dem Komfort des gehobenen Bür­gerdaseins in Wien herausgerissen, nun­mehr die einzige Chance wahr, um prak­tizieren zu können, und verdingt sich als Militärarzt.

 

Eindrucksvoll, wie er, ohne verzagt oder verbittert zu werden, eine neue Existenz aufbaut, bei Sommertem­peraturen von über 50 Grad, bei Regen­schauern des winterlichen Surazo, der fast waagrecht durch die Fenster peitscht - Fensterscheiben natürlich unbekannt -, oder durch die Dächer tropft, nur dass nicht Wasser kommt, sondern Schlamm, während gleichzeitig Mangel an Trink­wasser herrscht, von Fließwasser keine Spur. Er lebt mit seiner Familie in eben­erdigen Behausungen, wo in Lehmwän­den die Ratten, Wanzen, und zwar solche besonderer Größe, Vinchucas, Kukarachas, Asseln, Skorpione, Schlangen, Sandfliegen, die Bindehauterkrankungen übertragen, und was es noch an Plagegeistern gibt, zu­hause sind.

 

Popper begnügt sich auch unter diesen widrigen Umständen nicht einfach damit, Soldaten möglichst rasch wehrdienst­fähig zu schreiben, sondern beschäftigt sich mit medizinischen Untersuchungen. Er kann einige falsche Lehrmeinungen über Vorkommen und Verhalten von Pa­rasiten klären, veröffentlicht richtungs­weisende Untersuchungen über Dysente­rie und Tbc-Formen, die atypisch sind und mit in Europa angewendeten Thera­pien nicht behandelt werden können. Dies alles wird nüchtern und unpräten­tiös in Form von Tagebuchaufzeichnun­gen und Briefen geschildert.

 

Die Motive zu seiner Rückkehr nach Österreich, die er 1947 ohne Aufforde­rung oder Einladung des offiziellen Österreich in die Wege leitet, beschreibt er so: "Eine Rückkehr nach Europa war mir zunächst ganz unmöglich erschienen und ich war aufrichtig gewillt, mich hier einzuleben. Ich habe aber nach diesen acht Jahren die Überzeugung gewonnen, dass es fast nicht möglich ist, wenn man nicht für immer auf Dinge verzichten will, die man aus seiner Erziehung, Ver­anlagung und Weltsicht als wertvoll emp­findet, wie etwa den Beruf nach ethi­schen und moralischen Grundsätzen aus­zuüben, seine Kinder qualitativ und hu­manitär zu erziehen, menschlichen Kon­takt zu ähnlich denkenden Freunden, zu­verlässigen Menschen zu finden, zu Leu­ten also, deren Reaktionen man verstehen und folgen kann."

 

Als Primar und Uni­versitätsprofessor erwarb er sich dann große Anerkennung vor allem auf dem Gebiet der Sozialmedizin. Die großen Künstler oder Wissen­schaftler, die etwa wie ein Einstein in die Geschichte eingegangen sind, die wer­den in den nationalen Who is Who nur allzu gerne als Landsleute in Anspruch genommen und gelobt. Aber die Leistun­gen der anderen, weniger prominenten, die als Ärzte oder Ingenieure in den exotischen und bis heute noch unterent­wickelten Ländern oft zum erstenmal überhaupt Grundbegriffen von Hygiene brachten, Wasserleitungen und Kläranla­gen bauten oder in der Landwirtschaft Schädlingsbekämpfungen einführten, diese Beiträge zum Fortschritt, lange be­vor man begann, Mittel der Entwick­lungshilfe in die Taschen korrupter Poli­tiker zu pumpen, das ist ein noch nicht geschriebenes und noch zu schreibendes Kapitel der Shoah.

 




Zeitung zum Verständnis des Judentums

TribüneZeitung zum Verständnis des Judentums

3. Quartal 2005

 

»Bolivien für Gringos« heißt das viel gelesene interessante Buch des Arztes Lud­wig (Elija) Popper, der als Kind mit seinen Eltern 1938 nach Bolivien flüchten musste. Den größten Teil des Buches nimmt das Ta­gebuch Dr. Ludwig Poppers sen. in Anspruch: »Bolivien - unsere Rettung«. Der einstige Internist im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, dessen Habilitation 1938 wegen seiner »nicht-arischen Abstam­mung« abgelehnt wurde, arbeitete acht Jahre als Arzt im bolivischen Militärsani­tätsdienst. Bolivien war zwar die Rettung für die Familie; das wird vom Vater wie vom Sohn mehrmals dankend betont. Doch bot das so ganz andere Land einem Wiener Arzt und seiner Familie keine wirkliche kulturel­le Heimat. So kamen sie 1947 nach Wien zurück, wo er endlich, seinem Fleiß und sei­nen Fähigkeiten entsprechend, als Sozial­mediziner arbeiten und als Universitätspro­fessor lehren konnte. Eine späte, doch gerechte Anerkennung seiner Leistungen.

 




Website PESTER LLOYD

Mein Freund ist kein "Gringo" (Der Oberwarter Arzt Ludwig Popper auf den Spuren seines Vaters)Von Peter Stiegnitz

 

Nein, mein Freund Ludwig ‚Lutz’ Popper, genau genommen Hofrat Primarius Dr. Lutz Popper, ist kein burgenländischer "Gringo" (‚Greenhorn’), sondern ein Mann der klaren Sprache und der eindeutigen Stellung­nahme gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus. Dieser Grundstimmung des Jahres 1938, als Ludwigs gleichnamiger Vater mit seiner Familie Österreich fluchtartig verlassen musste und in Südamerika, in Bolivien, Zuflucht fand. Sohn Ludwig erzählt seiner Familie, vor allem seinen Enkelkindern, jetzt in "Bolivien für Gringos", wie das "Exiltagebuch eines Wiener Arztes" (edition lex liszt 12, Oberwart) heißt, die Geschichte der Flucht und des Überlebens in der Fremde.

 

Lutz Popper jun., der seinen Weg zum jüdischen Glauben (wieder) fand und sich jetzt – völlig zu Recht – Lutz Elija Popper nennt, beschreibt in einer für nicht­jüdische Leser durchaus notwendigen umfassenden Einleitung die Ära der Wiener Juden, in der seine Familie (jiddisch "Mischpoche" genannt) eingebettet lebte, sowie auch die bange Zeit der Verzweiflung und eine minutiösgenaue Chronologie der Vertreibung. Im nächsten Teil ("Unsere neue Welt") erleben wir die eingehend und hochinteressant geschilderte Welt Bo­liviens.

 

Den größten Teil des Buches nimmt wie angekün­digt das Tagebuch Dr. Ludwig Poppers (sen.) in Anspruch: "Bolivien - unsere Rettung". Der einstige Internist im ‚Wiener Allgemeinen Krankenhaus’, dessen Habilitation 1938 wegen seiner "nicht-arischen Abstammung" abgelehnt wurde, arbeitete acht Jahre als Arzt im bolivischen Militärsanitätsdienst.

 

Bolivien war zwar die Rettung für die Familie – und das wird vom Vater wie vom Sohn mehrmals dankend betont. Doch bot das so ganz andere Land einem Wiener Arzt und seiner Familie keine wirkliche kultu­relle Heimat. So kamen sie 1947 nach Wien zurück, wo er endlich, seinem Fleiß und seinen Fähigkeiten entsprechend, als Sozialmediziner arbeiten und als Universitätsprofessor lehren konnte. Eine späte, doch gerechte Anerkennung seiner Leistung.

 

Der Sohn, Ludwig Elija, einer meiner besten Freun­de, nutzt seine Zeit als Pensionist gut und arbeitet die umfangreichen biografischen Notizen seines Vaters auf und sorgt für ihre Herausgabe.

 

Unser gemeinsamer Freund, der ehemalige Bundes­kanzler Fred Sinowatz, bringt in seinem Vorwort den Sinn dieses Buches auf den richtigen Punkt. "Gerade weil das Buch einen zeitlich begrenzten Lebens­abschnitt und ein einziges Thema, die Emigration, behandelt, ist sein Inhalt so beeindruckend. Realismus und Gefühl stehen nebeneinander,"

 

Mein Freund Lutz (Elija) Popper widmet, wie schon erwähnt, das Buch seinen Enkeln: "Mögen sie die Geschichte ihrer Familie in sich aufnehmen und weitergeben als Mahnung, ähnliches nie wieder zu­zulassen." Das einzige, was wir, seine Freunde und Familie, seine Schwestern und Brüder, gerne zulassen, ist der nächste, von Lutz bereits in Aussicht gestellte Band seiner Erinnerungen.

 

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