BOLIVIEN FUR GRINGOS

Aus: Illustrierte Neue Welt von Heimo Kellner

 

Bolivien für Gringos, von Ludwig Popper, herausgegeben von seinem Sohn Lutz (edition lex liszt) ist eine der vielen Schilderungen jüdischer Emigrantenschicksale des Jahres 1938. Die einen gingen nach Stockholm, in die USA, nach China, nach Mexiko, die Auswahl erfolgte meist im Lotteriespiel um das Einreisevisum. Popper ver­schlägt es nach Bolivien in den tiefsten Urwalds des Chaco, einem Landesteil, der im Krieg zwischen Bolivien und Pa­raguay (1932-1935) Kampfschauplatz gewesen war. Der vollassimilierte, kon­vertierte Popper nimmt, mit seiner Fami­lie aus dem Komfort des gehobenen Bür­gerdaseins in Wien herausgerissen, nun­mehr die einzige Chance wahr, um prak­tizieren zu können, und verdingt sich als Militärarzt.

 

Eindrucksvoll, wie er, ohne verzagt oder verbittert zu werden, eine neue Existenz aufbaut, bei Sommertem­peraturen von über 50 Grad, bei Regen­schauern des winterlichen Surazo, der fast waagrecht durch die Fenster peitscht - Fensterscheiben natürlich unbekannt -, oder durch die Dächer tropft, nur dass nicht Wasser kommt, sondern Schlamm, während gleichzeitig Mangel an Trink­wasser herrscht, von Fließwasser keine Spur. Er lebt mit seiner Familie in eben­erdigen Behausungen, wo in Lehmwän­den die Ratten, Wanzen, und zwar solche besonderer Größe, Vinchucas, Kukarachas, Asseln, Skorpione, Schlangen, Sandfliegen, die Bindehauterkrankungen übertragen, und was es noch an Plagegeistern gibt, zu­hause sind.

 

Popper begnügt sich auch unter diesen widrigen Umständen nicht einfach damit, Soldaten möglichst rasch wehrdienst­fähig zu schreiben, sondern beschäftigt sich mit medizinischen Untersuchungen. Er kann einige falsche Lehrmeinungen über Vorkommen und Verhalten von Pa­rasiten klären, veröffentlicht richtungs­weisende Untersuchungen über Dysente­rie und Tbc-Formen, die atypisch sind und mit in Europa angewendeten Thera­pien nicht behandelt werden können. Dies alles wird nüchtern und unpräten­tiös in Form von Tagebuchaufzeichnun­gen und Briefen geschildert.

 

Die Motive zu seiner Rückkehr nach Österreich, die er 1947 ohne Aufforde­rung oder Einladung des offiziellen Österreich in die Wege leitet, beschreibt er so: "Eine Rückkehr nach Europa war mir zunächst ganz unmöglich erschienen und ich war aufrichtig gewillt, mich hier einzuleben. Ich habe aber nach diesen acht Jahren die Überzeugung gewonnen, dass es fast nicht möglich ist, wenn man nicht für immer auf Dinge verzichten will, die man aus seiner Erziehung, Ver­anlagung und Weltsicht als wertvoll emp­findet, wie etwa den Beruf nach ethi­schen und moralischen Grundsätzen aus­zuüben, seine Kinder qualitativ und hu­manitär zu erziehen, menschlichen Kon­takt zu ähnlich denkenden Freunden, zu­verlässigen Menschen zu finden, zu Leu­ten also, deren Reaktionen man verstehen und folgen kann."

 

Als Primar und Uni­versitätsprofessor erwarb er sich dann große Anerkennung vor allem auf dem Gebiet der Sozialmedizin. Die großen Künstler oder Wissen­schaftler, die etwa wie ein Einstein in die Geschichte eingegangen sind, die wer­den in den nationalen Who is Who nur allzu gerne als Landsleute in Anspruch genommen und gelobt. Aber die Leistun­gen der anderen, weniger prominenten, die als Ärzte oder Ingenieure in den exotischen und bis heute noch unterent­wickelten Ländern oft zum erstenmal überhaupt Grundbegriffen von Hygiene brachten, Wasserleitungen und Kläranla­gen bauten oder in der Landwirtschaft Schädlingsbekämpfungen einführten, diese Beiträge zum Fortschritt, lange be­vor man begann, Mittel der Entwick­lungshilfe in die Taschen korrupter Poli­tiker zu pumpen, das ist ein noch nicht geschriebenes und noch zu schreibendes Kapitel der Shoah.

 

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